Was jahrelang teure Spezialsoftware und ganze Sachbearbeiterteams erforderte, liefert generative KI heute auf Knopfdruck. Das verschiebt die Statik im Rechtsmarkt — mit Folgen für Gerichte, Kanzleien und alle, die auf der Gegenseite von Massenverfahren stehen.
Die Mechanik der Massenklagen ist seit Jahren vertraut: Diesel, Fluggastrechte, widerrufene Kreditverträge.
Spezialkanzleien und Legal-Tech-Anbieter haben gelernt, gleichförmige Ansprüche in industriellem Maßstab zu verarbeiten. Neu ist, dass die Hürde dafür gerade fällt. Generative KI übernimmt die Fließbandarbeit, die früher Kapital und Personal band — und macht das Modell damit auf Rechtsgebiete anwendbar, die bislang verschont blieben.
Marc Ohrendorf, Experte für Rechtstechnologie an der Bucerius Law School, hat diese Entwicklung im Juni 2026 in einem Beitrag für beck-aktuell beschrieben. Sein Befund: Die ökonomische Bremse, die das Prozessrecht über Jahrzehnte darstellte, löst sich auf. Wenn das Erstellen einer Klage praktisch nichts mehr kostet, lohnt sie sich auch dort, wo der Aufwand sie früher verhindert hat.
„Bisher blieb dieses Muster auf wenige Fallgruppen beschränkt. Generative KI hebt die Beschränkung auf. Mietrecht, Verbraucherschutz, Arbeitsrecht: Der Sonderfall wird zum Normalbetrieb.“
— Marc Ohrendorf, Bucerius Law School
Quelle: beck-aktuell, 17. Juni 2026
Die Zahlen einer Entwicklung, die längst begonnen hat.
Wie sehr Massenverfahren ein Gericht an die Grenze bringen, zeigt das OLG Stuttgart, das seinen KI-Assistenten OLGA seit 2022 in Dieselverfahren einsetzt. Dort stieg die Zahl der Berufungen von rund 1.700 im Jahr 2018 auf etwa 17.000 im Jahr 2023 — der weit überwiegende Teil Dieselverfahren, die Schriftsätze teils über hundert Seiten lang, obwohl nur wenige Datenpunkte über das Urteil entscheiden.
Dass die Entwicklung nicht auf klassische Massenverfahren beschränkt bleibt, belegen die Sozialgerichte. In Nordrhein-Westfalen stieg die Zahl der Eilverfahren 2025 um mehr als 55 Prozent auf 7.615. Ein wesentlicher Treiber sind Bürgerinnen und Bürger, die sich ohne Anwalt mithilfe von KI selbst vertreten. Was am oberen Ende des Marktes durch spezialisierte Kanzleien geschieht, findet am unteren Ende durch Privatpersonen statt — die Wirkung auf die Gerichte ist dieselbe.
Zwei Geschwindigkeiten, eine wachsende Lücke.
Während Kanzleien und sogar Verbraucher ihre Schriftsätze automatisieren, bearbeitet die Justiz die Klageflut weiterhin überwiegend von Hand. Die Projekte, die das ändern sollen, existieren: OLGA in Stuttgart kategorisiert und strukturiert Dieselberufungen, in Niedersachsen erprobt MAKI die KI-gestützte Bearbeitung von Massenverfahren, in Hessen entstanden mit FRAUKE und FRIDA weitere Anwendungen. Doch diese Projekte bleiben Inseln — regional begrenzt, ein bundesweit einheitliches System fehlt.
Was das für Beklagten der Massenverfahren bedeutet.
Die Aufmerksamkeit der Debatte richtet sich meist auf Gerichte und klagende Kanzleien. Weniger beleuchtet ist die Seite, die in Massenverfahren beklagt wird:
Versicherer, Konzerne und ihre Rechtsabteilungen. Für sie verändert sich die Lage in beide Richtungen zugleich. Die Zahl gleichförmiger Klagen steigt, und mit ihr die Erwartung, in kurzer Zeit und in gleichbleibender Qualität zu reagieren — über hunderte oder tausende Parallelverfahren hinweg.
Hier setzt die Perspektive der Legal Data Technology GmbH an. Das Unternehmen entwickelt mit DEPLAW eine Plattform, die genau diese Verfahrenstypen automatisiert bearbeitbar macht: Wiederkehrende Muster werden einmal als Prozess modelliert und dann skalierbar verarbeitet. KI-Agenten analysieren eingehende Schriftsätze, erkennen Fristen und priorisieren — eingebunden als kontrollierte Schritte in einen vom Menschen gestalteten Ablauf, nicht als autonome Entscheider. Der Gedanke dahinter ist weniger technisch als strategisch: In einem Massenverfahren, in dem ein Urteil hunderte Parallelfälle vorprägen kann, entscheidet die Fähigkeit zur strukturierten, schnellen Reaktion über den gesamten Komplex.
Ob die Gerichte im Wettrüsten mithalten, ist eine rechtspolitische Frage. Ob die beklagte Seite mithält, ist eine Frage ihrer eigenen Aufstellung. Die Werkzeuge, die auf der Klägerseite längst im Einsatz sind, stehen auch der Beklagtenseite offen — genutzt werden müssen sie selbst.
Über den Hintergrund.
Legal Data Technology GmbH beobachtet die Entwicklung von Massenverfahren aus der Praxis: Die Plattform DEPLAW wird bereits seit Jahren von Versicherern und Rechtsdienstleistern zur automatisierten Bearbeitung hoher Fallzahlen eingesetzt. Weitere Informationen unter www.legaldata.tech/deplaw
Quellenhinweise
Ohrendorf, Marc: „Wenn Anwälte mit KI aufmunitionieren.“ beck-aktuell, 17. Juni 2026
LSG NRW Jahrespressekonferenz Essen, April 2026 (heise.de); OLG Stuttgart zu Dieselverfahren
Über Legal Data Technology GmbH
Die Legal Data Technology GmbH (Wuppertal, gegründet 2019) entwickelt Legal Tech-Lösungen für Versicherungsunternehmen, Großkanzleien und Rechtsdienstleister. Mit DEPLAW bietet das Unternehmen eine Enterprise-Plattform für die vollständige Automatisierung juristischer Fallbearbeitung — end-to-end, in einem System, mit orchestriert eingebundenen KI-Agenten.