“
Wer einmal BPMN für die juristische Fallbearbeitung nutzt, will nicht mehr ziurück. Die Freiheit und der Detailgrad in der Orchestrierung begeistert einfach.
Ein technischer Begriff mit weitreichenden praktischen Konsequenzen: Wer BPMN versteht, versteht warum die meisten Legal Tech Automatisierungsversprechen langfristig scheitern – und was eine Lösung braucht, um wirklich zu skalieren.
01
Closed shop
Das Problem mit proprietären Workflow-Engines
Stellen Sie sich vor, Sie haben in Ihrem Unternehmen über zwei Jahre hinweg Dutzende von Automatisierungsprozessen aufgebaut. Jeder Prozess läuft in der proprietären Workflow-Engine eines bestimmten Softwareanbieters. Die Logik ist im System hinterlegt – aber nicht wirklich dokumentiert. Niemand außerhalb des Systems kann die Prozesse lesen oder verstehen.
Dann: Der Anbieter stellt das Produkt ein. Oder erhöht die Preise drastisch. Oder das Unternehmen wächst über die Kapazitäten der Plattform hinaus.
Was passiert mit Ihren Prozessen? Sie sind verloren. Nicht die Daten – die lassen sich oft migrieren. Aber die Prozesslogik, die Entscheidungsregeln, die Automatisierungsintelligenz: alles in einem proprietären Format, das kein anderes System lesen kann.
Das ist kein hypothetisches Szenario. Es ist die Realität vieler Unternehmen, die in der ersten Welle der Legal Tech Digitalisierung auf proprietäre Lösungen gesetzt haben.
BPMN ist die strukturelle Antwort auf dieses Problem.
02
Kurz und knapp
Was BPMN ist: Die Kurzform
BPMN steht für Business Process Model and Notation. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich etwas Grundsätzliches: eine international standardisierte Sprache, um Geschäftsprozesse eindeutig zu beschreiben – so eindeutig, dass sie von Maschinen ausgeführt werden können.
BPMN wird von Unternehmen weltweit und in allen Branchen eingesetzt – von der Automobilindustrie über das Bankenwesen bis hin zur öffentlichen Verwaltung.
Im Kern ist BPMN eine grafische Notation: Kreise, Rechtecke, Rauten, Pfeile. Jedes Symbol hat eine präzise, standardisierte Bedeutung. Zusammengesetzt ergeben sie einen Prozess, der nicht nur visualisiert, sondern direkt ausgeführt werden kann – ohne Übersetzung in Code.
Erstellen Sie direkt selbst einen ersten BPMN-Worfklow in unserer Demo:
|
Die wichtigsten BPMN-Elemente im Überblick:
|
03
Optik oder Funktion?
BPMN in Legal Bereich: Was sich damit abbilden lässt
Im Rechtsumfeld zeigt BPMN sein volles Potential – gerade weil juristische Prozesse oft komplex, regelgebunden und ausnahmereich sind. Hier sind konkrete Anwendungsbeispiele, die mit BPMN-basierten Workflows heute produktiv automatisiert werden:
1
Falleingang und Erstbearbeitung
- Eingehende Dokumente (beA, E-Mail, Upload) triggern automatisch den richtigen Workflow
- KI-basierte Klassifizierung als Service Task: Dokumenttyp, Priorität, Fristigkeit
- Automatische Zuordnung zur richtigen Akte, zum richtigen Bearbeiter, zum richtigen Folgeprozess
2
Fristenverwaltung und Eskalation
- Timer Events: Automatische Fristsetzung basierend auf KI-extrahierten Daten
- Eskalations-Workflows: Bei Fristablauf ohne Reaktion startet automatisch Erinnerungsprozess
- Event Sub-Prozesse: Außerplanmäßige Ereignisse (z. B. unerwarteter Eingang) unterbrechen kontrolliert den Hauptprozess
3
Gerichtliche Mahnverfahren
- Vollautomatisierte EDA-Generierung für Online-Mahnanträge
- Tracking von Zustellungen und automatischer Start von Vollstreckungsprozessen bei Nicht-Zahlung
- Parallele Gateways: Mehrere Betreibungsmaßnahmen gleichzeitig gestartet und überwacht
4
Kommunikation mit allen Beteiligten
- Automatischer Versand von Schriftsätzen per beA, E-Mail oder Post – kontextbasiert generiert
- Mandantenkommunikation: Proaktive Statusupdates ohne manuellen Aufwand
- Gegnerkorrespondenz: Standardisiert, dokumentiert, versioniert
“
Das Tolle an BPMN für Kanzleien und Versicherern ist: man kann bei kleinen Teilprozessen beginnen und nach und nach alle Schritte davor und danach ergänzen, ohne von vorne anfangen zu müssen. Im Rechtsbereich gibt es aus meiner Sicht keinen besseren Standard für komplexe Automatisierungs-Projekte.
Geschäftsführer
04
Perfect match
FEEL: Entscheidungslogik, die BPMN vervollständigt
BPMN beschreibt, wie ein Prozess abläuft. Eine zweite Frage ist mindestens genauso wichtig: Warum nimmt ein Prozess an einer bestimmten Stelle genau diesen Weg und nicht jenen?
Diese Frage beantwortet FEEL – Friendly Enough Expression Language. FEEL ist der zugehörige Standard für Entscheidungslogik: eine lesbare, standardisierte Sprache, um Wenn-Dann-Regeln explizit zu formulieren.
Statt Entscheidungslogik im Code zu verstecken – wo sie niemand außer Entwicklern lesen, prüfen oder verändern kann – werden Regeln in FEEL so formuliert, dass Anwälte, Sachbearbeiter und Compliance-Verantwortliche sie direkt lesen und verstehen.
|
Typische FEEL-Entscheidungsregeln im Rechtskontext: Automatische Klagegenehmigung: Streitwert <= 2000 and Erfolgswahrscheinlichkeit >= 70 and Deckungsart = „Privat-Rechtsschutz“ Eskalation an Vorgesetzten: Bearbeitungsdauer > 30 and Mandantenstatus = „Beschwerdeführer“ and Streitwert > 10000 Automatischer Vergleichsvorschlag: Gegnerangebot >= Streitwert * 0.7 and Verfahrenskosten > Streitwert * 0.3 |
Diese Regeln können von Anwälten und Sachbearbeitern direkt definiert, geprüft und angepasst werden – ohne Entwicklerkenntnisse. Das ist No-Code/Low-Code Automatisierung auf Enterprise-Niveau.
05
Standards
Richtig statt einfach
Der Markt bietet viele Legal Tech Tools, die einfache Workflow-Funktionen anbieten. Für den Einstieg in die Automatisierung sind manche dieser Tools durchaus nützlich. Langfristig erzeugen sie jedoch spezifische Risiken:
|
Risiko |
Proprietäre Lösung |
BPMN-basierte Lösung |
|
Vendor Lock-in |
Prozesslogik im proprietären Format – nicht portierbar |
Vollständiger BPMN-2.0-Export – systemunabhängig |
|
Änderungsmanagement |
Jede Änderung erfordert Entwickler |
Fachliche Anwender passen Prozesse direkt an |
|
Auditierbarkeit |
Prozesslogik im Code versteckt – schwer erklärbar |
Prozessschritte und Entscheidungen direkt am Modell nachvollziehbar |
|
Skalierung |
Performance-Grenzen bei hohem Volumen oft undokumentiert |
Enterprise-Architektur mit definierter Skalierbarkeit |
|
Ausnahmebehandlung |
Ausnahmen oft manuell oder als Code-Workaround |
Event Sub-Prozesse: Ausnahmen explizit modelliert |
|
Compliance |
Prozesslogik schwer prüfbar für Aufsichtsbehörden |
Vollständige Prozess-Transparenz für Audits |
|
Zukunftssicherheit |
Abhängig von Anbieter-Roadmap |
Offener Standard – herstellerunabhängig |
06
Prozess frist
BPMN x KI: Wie prozessgesteuerte KI funktioniert
Generative KI ist leistungsfähig. Aber KI, die isoliert und autonom agiert, ist im Unternehmensumfeld problematisch: unkontrollierbare Outputs, fehlende Auditierbarkeit, inkonsistente Ergebnisse.
Der BPMN-Ansatz löst dieses Problem elegant: KI wird nicht als autonomer Agent eingesetzt, sondern als Service Task innerhalb eines definierten Workflows.
Das bedeutet konkret:
- KI-Anfragen haben einen definierten Input: welche Dokumente, welche Datenpunkte, welchen Prompt
- KI-Antworten haben einen definierten Output: welche Daten werden extrahiert, welche Aktion folgt
- KI-Schritte sind versioniert: Welches Modell wurde wann verwendet?
- KI-Ergebnisse sind auditierbar: Jede Anfrage und jede Antwort ist in der Prozesshistorie dokumentiert
- KI ist austauschbar: Modellwechsel (GPT-4 → Claude → lokales Modell) ohne Prozessänderung
Das Ergebnis: KI, die nicht autonom handelt, sondern fachlich orchestriert ist. Leistungsfähig und kontrollierbar zugleich.
07
DEPLAW für Enterprises
Für wen BPMN im Legal Tech Bereich geeignet - und für wen nicht?
BPMN ist kein Allheilmittel. Es ist ein mächtiges Werkzeug – das aber eine gewisse Investition in Prozessdenken erfordert.
|
BPMN ist der richtige Ansatz, wenn… |
BPMN ist vielleicht nicht der richtige Einstieg, wenn… |
|
Sie wiederholende juristische Prozesse in hohem Volumen automatisieren wollen |
Sie nur wenige, sehr komplexe Einzelfälle ohne Prozesswiederholung haben |
|
Sie Prozesse selbst verstehen, gestalten und ändern wollen – ohne Entwickler |
Sie keine fachliche Ressource haben, die Prozesse konzipieren kann |
|
Sie regulatorische Anforderungen an Nachvollziehbarkeit und Auditierbarkeit erfüllen müssen |
Sie einen schnellen Einstieg ohne tiefere Prozessanalyse suchen |
|
Sie eine langfristige, skalierbare Lösung ohne Vendor Lock-in brauchen |
Sie ein kleines Digitalisierungsprojekt mit begrenztem Umfang planen |
|
Sie KI in auditierbare, kontrollierbare Prozesse einbetten wollen |
Sie KI primär als interaktives Assistenztool (Chatbot etc.) nutzen wollen |
10
Fazit
BPMN ist nicht nur Technologie, sondern Strategie
Die Wahl zwischen BPMN-basierter Prozessautomatisierung und proprietären Workflow-Tools ist keine rein technische Entscheidung. Sie ist eine strategische: Wie viel Kontrolle will ich über meine eigenen Prozesse haben? Wie unabhängig will ich von Softwareanbietern sein? Wie nachvollziehbar sollen meine Automatisierungsentscheidungen für interne und externe Prüfer sein?
Für Kanzleien und Versicherer, die juristische Prozesse ernsthaft und dauerhaft automatisieren wollen, ist BPMN heute der einzige Ansatz, der alle drei Fragen befriedigend beantwortet.
Es ist kein Zufall, dass BPMN in regulierten Industrien – Banken, Versicherungen, öffentliche Verwaltung – zum etablierten Standard geworden ist. Es ist das Ergebnis jahrelanger Erfahrung mit dem, was langfristig funktioniert und was nicht.