Burford Capital: Die Nebenwirkungen des Erfolges

Es könnte ein warnendes Lehrstück für aufstrebende Legal-Tech-Unternehmen sein: der weltweit größte Prozessfinanzierer Burford Capital verlor durch einen Bericht des Investmentunternehmens Muddy Waters in der Spitze bis zu 2 Milliarden Dollar, der Aktienkurs brach um bis zu 64 Prozent ein.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Managementfehler, mangelnde Liquidität und “unethisches Verhalten”. Die umstrittene Investmentgesellschaft Muddy Waters beschuldigt den weltgrößten Prozessfinanzierer Burford Capital, sich finanziell größer darzustellen als er tatsächlich sei und wirft aufgrund privater Beziehungen zwischen CEO und CFO zudem unethisches Verhalten vor. Der CFO wurde zwischenzeitlich ersetzt. Die Folge ist ein Kursabsturz mit Milliardenschaden. In Deutschland ist der Prozessfinanzierer durch die rund 30 Millionen schwere Prozessfinanzierung gegen den Autobauer Volkswagen im Rahmen einer Massenklage bekannt. Die F.A.Z. hat gleich zwei Beiträge zu den Vorwürfen veröffentlicht.

Während deutsche Medien die Vorwürfe zwar zweifelnd, aber nicht weiter ergründend darstellten, ist bei Recherche der englischsprachigen Artikel, insbesondere der “Financial Times” und des “Guardian” ein deutlich differenzierteres Bild der Interessengelage des Leerverkäufers Muddy Waters erkennbar. So habe der Muddy Waters Gründer, Carson Block, im Rahmen eines BBC-Radio 4 Interviews eingeräumt:

Of course we have a financial motive and they have a financial motive. Everybody who’s doing this has a financial motive: every investor who make a buy, sell, hold decision has a financial motive.

Carson Block

Damit dürfte ziemlich eindrucksvoll dargestellt sein, welches Motiv hinter den Vorwürfen gegen Burford Capital steckt: eine Reduzierung des Aktienwerts, um möglicherweise eigene Spekulationen vorzunehmen. Dabei ist ähnlich wie bei den Vorwürfen zu Compliance- und Governancestrukturen bei Wirecard auch bei Burford Capital der Milliardenverlust maßgeblich dadurch möglich gewesen, dass das von derartigen Vorwürfen betroffene Unternehmen nicht adäquat auf diese reagiert hat. So hat Burford Capital kein dringend erforderliches Krisenmanagement eingerichtet, was beispielsweise durch Bloomberg berechtigt kritisiert wird:

As one might have expected from such a lawyer-heavy enterprise, Burford has responded vigorously, claiming it has identified trading patterns that demonstrate illegal market manipulation (something Muddy Waters denies). If proven, such behavior would be reprehensible. But it kind of misses the main point: How does Burford address some of the more reasonable issues raised by Block’s firm?

Chris Bryant

Burford Capital hat trotz der “hard-headed litigators” im Management Team keine adäquate Reaktion auf diese (haltlosen) Vorwürfe gezeigt, sondern sich in rechtliche Gegenangriffe verrannt. So berichtet das Branchenmagazin JUVE, dass sich Burford bereits mit Quinn, Freshfields und Morrison & Foerster gegen den Angriff rechtlich in Stellung gebracht habe. Damit ist jedoch das verloren gegangene Vertrauen nicht wieder zurückgebracht worden. Es hätte vielmehr eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Vorwürfen und eine wirksame Entkräftung stattfinden müssen, anstatt die wenn auch sicherlich berechtigte Kritik an dem Vorgehen von Buddy Waters unter der juristischen Lupe zu betrachten. Es wundert deshalb nicht, dass auch zehn Tage nach den Vorwürfen der Aktienkurs weiterhin um rund 45 Prozent eingebrochen ist.

Was Legal-Tech-Unternehmen lernen können

Man kann natürlich argumentieren, dass der Erfolg der Vorwürfe nur möglich war, weil es sich bei Burford Capital um den größten Prozessfinanzierer, der auch noch an der Börse vertreten ist, handelt und derartige Gefahren, namentlich ein Kursverfall, bei der überwiegenden Anzahl der nicht aktiennotierten Legal-Tech-Unternehmen kaum möglich wäre.

Allerdings würde bei dieser Argumentation der wesentliche Punkt, den man aus diesem Vorfall lernen kann, verkannt:

Wie auch beim Milliarden-Startup Wirecard geht es bei derartigen Vorwürfen nicht (mehr) darum, ob diese tatsachenfundiert sind. Nicht umsonst beschreibt man die gegenwärtige Zeit pejorativ konnotiert als das “postfaktische Zeitalter“. Entscheidend ist nicht, was tatsächlich wahr oder beweisbar ist, sondern wie das Unternehmen auf solche Vorwürfe reagiert. So zeigt sich sowohl bei Wirecard als nun auch bei Burford Capital, dass bei neuen Unternehmen eine besondere Anfälligkeit zu bestehen scheint. Ob dies der Neuartigkeit des Geschäftskonzeptes oder der unveränderten Gründer-Managementstruktur geschuldet ist, kann nicht mit der notwendigen Sicherheit gesagt werden. Allerdings zeigt sich:

Startups und Unternehmen mit neuartigen Geschäftskonzepten sollten ganz besonders und bereits im Vorfeld ein wirksames Krisenkonzept vorweisen, damit nicht der Gegner den weiteren Diskurs bestimmen und domineren kann.

Der Autor, Tim Platner, ist Geschäftsführer der Legal Data Technology GmbH.