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10 Dinge, die ich als Jurist bei der Entwicklung von Legal Tech gelernt habe

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von Tim Platner, Geschäftsführer der Legal Data Technology GmbH.

Legal Tech ist schön. Es verbindet das zumeist noch gänzlich ungenutzte Potential digitaler Automatisierungen und schafft einen Mehrwert. Für Rechtssuchende Mandanten, für Rechtsanwälte und – will man es einmal pathetisch formulieren – für eine gerechtere Gesellschaft. Der Diskurs über Legal Tech wird – und dies wird leider auch mit diesem Artikel exemplarisch bestätigt – ganz überwiegend von der juristischen Seite geführt und dominiert. Geschäftskonzepte, rechtliche Zulässigkeiten und Grenzen, Akzeptanz in Kanzleien, New Work, die Disruption des Rechtsmarktes oder die digitale Transformation der Anwaltschaft. Die Diskussionen haben einen „Meta-Charakter“, der wenig mit den in Stellengesuchen häufig gewünschte „Hands-on“-Mentalität zu tun hat.

Deshalb ist es mir ein Anliegen, Impulse aus der Herzkammer des Legal-Techs, der eigentlichen Konzeption und Softwareentwicklung, zu senden, um zu sensibilisieren, welche Aspekte wirklich relevant sind, wenn es heißt:

get things done.

I. Nein, das hast du uns nicht gesagt

Jeder Softwareentwickler, der schon einmal Auftragsarbeiten durchgeführt hat, kennt die Schwierigkeit: vom Auftraggeber werden Features als gegen oder selbstverständlich vorausgesetzt, die es tatsächlich nicht sind. Ein gutes Beispiel sind Rollen-Rechte. Was ein Mandant sehen, was eine Refa bearbeiten und wie Dritte in einen Abwicklungsprozess eingebunden werden sollen, erfordert eine detaillierte Abstimmung. Die Erwartungshaltung „das muss man einstellen können“ ist eine naive Haltung, die sehr schnell zu Frust auf allen Seiten eines interdisziplinären Teams führt.

Der größte Teil unseres Teams besteht aus Softwareentwicklern, Juristen in der Minderheit. Obwohl wir jeden Tag detailliert über Funktionen sprechen, diese noch in der konzeptionellen Phase präsentieren und genau abstimmen, kam es in der Anfangszeit immer wieder vor, dass dann der Einwurf von der juristischen Seite kam „aber XYZ geht damit dann auch, oder?“. Die frustriert-verärgerte Antwort „Nein, das hast du nicht gesagt“ ist wichtig, um zu verstehen, wie unverzichtbar ein Lasten-Pflichten-Heft ist, um die Softwareentwicklung nicht nur aus „change requests“, also Abänderungsverlangen, bestehen zu lassen.

II. Wer schlecht entwickelt, entwickelt zweimal – oder gar nicht mehr

Guten Softwareentwicklern liegt – genau wie Juristen – die Welt des Arbeitsmarktes zu Füßen. Als Jurist arbeitet man auch lieber an einem Arbeitsplatz mit großem Beck-online-Zugang, eigener Bibliothek und einer, in jeder Hinsicht ansprechenden Ausstattung. Für gute Entwickler gilt das natürlich ebenso. Damit ist nicht der als selbstverständlich zu bezeichnende Kaffeevollautomat oder der mit unzähligen Bildschirmen ausgestattete Arbeitsplatz gemeint, sondern der „stack„. Welche Programmiersprachen werden wofür und in welcher Version genutzt? Welche Komponenten greifen wo ineinander? Welche Serverlösung wird eingesetzt?

Gute Entwickler werden keine Frickellösungen für die konventionellen Kanzleiprogramme aus den 90er-Jahren bauen. Arbeit, die absehbar in fünf Jahren nicht mehr genutzt werden kann und für die man fast historische Programmiersprachen verwenden muss, frustriert. Umgekehrt ist ein moderner stack meiner Erfahrung nach der größte Motivationsfaktor für richtig gute Entwickler. Wir haben so Entwickler für uns gewinnen können, die sich aufgrund ihrer Erfahrung vor Angeboten nicht retten konnten.

Der richtige stack ist aber nicht nur Lockmittel für Bewerber, sondern sichert die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Wer das nicht glauben möchte: MySpace wurde in einer alten und bei Entwicklern unbeliebten Programmiersprache entwickelt. Als es erforderlich wurde, MySpace mit der Zeit anzupassen, war dies nicht mehr kurzfristig möglich, die Plattform musste komplett neu entwickelt werden. Der Untergang war damit besiegelt. Deshalb schmerzt es mich physisch, wenn mir Kanzleien stolz berichten, dass sie ihre Kanzleisoftware XYZ mit Ergänzungen weiterentwickelt haben lassen.

III. Erklärt nicht nur das „was“, sondern auch das „warum“

Eine Lektion, die sicherlich branchenübergreifend sinnvoll, aber in der interdisziplinären Arbeit unverzichtbar ist. Als Jurist sollte man nicht nur erklären, dass Anwälte bis heute und in alle Ewigkeit Telefax nutzen, sondern auch weshalb. Das ungläubige Staunen nimmt dadurch zwar nicht signifikant ab, es fällt Entwicklern aber leichter, die Notwendigkeit der Implementierung zu erkennen.

Umgekehrt ist das Erklären des „Warum“ aus meiner Sicht noch viel wichtiger. Bei der Konzeption von Legal-Tech-Lösungen sollte man bereits in der Lage sein, die Herausforderungen der Umsetzung im Blick haben können. Sicherheit, Architektur und Umsetzungsdauer sind fundamental wichtige Themen für die Verwirklichung von Projekten.

Deshalb fragt als Juristen so lange nach dem „Warum“, bis ihr alle Antworten habt. Dadurch lernt ihr die teilweise enormen Programmierleistungen auch mehr zu schätzen. Einem einzigen Button können Wochen oder Monate harter Entwicklungsarbeit vorausgegangen sein.

IV. Wähle deine Kunden weise

Ein Managing Partner sagte mir in einem Termin

Sie wissen schon, dass Sie sich mit Anwälten die schlimmsten Kunden der Welt ausgesucht haben, oder?

Diese Einschätzung würde ich so nicht teilen, aber man merkt in mittelständischen Kanzleien nicht selten, wie ungeklärt die eigene Haltung zum Thema „Legal Tech“ ist. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es zwei Kulturen in Kanzleien zum Thema gibt:

  1. Ich werde das einführen, die Mitarbeiter haben das zu nutzen.
  2. Ich weiß nicht, ob unsere Rechtsanwälte das nutzen werden.

Wer jetzt auf die vielbeschworene Kultur verweist, die den Boden für Legal Tech bereiten muss, der mag bestimmt nicht Unrecht haben. Unsere Erfahrung ist jedoch eine andere. Die Kanzleien, in denen Managing Partner die Nutzung auferlegt haben, konnten weitaus schneller und effizienter neue Technologien und Arbeitsabläufe nutzen. In Kanzleien, in denen die Managing Partner unsicher waren, ob abweichende Arbeitsweisen überhaupt angenommen werden, wurden in den allermeisten Fällen keine Veränderungen herbeigeführt.

Welche Schlüsse hieraus Managing Partner ziehen wollen, kann erst einmal dahinstehen. Wir arbeiten jedenfalls inzwischen nur noch mit Kanzleien zusammen, die sich ihrem Verhältnis zu Legal Tech sicher sind. Andernfalls bedeutet das für alle Beteiligten Frust, Zeit – und Kosten.

V. Innovation erreicht man nicht mit Copy-Paste

Die zunehmende Popularität von Legal Tech führt, so jedenfalls mein subjektiver Eindruck, trotz eines nach wie vor kleinen Marktes zu einer bemerkenswerten Verhaftung in „bekannten und bewährten“ Geschäftsmodellen und -konzepten. Wenn Pitches mit dem Satz: „Wir wollen das flightright der… werden“ beginnen oder die 18. Fluggastentschädigungsplattform auf den Markt geknallt wird, führt das jedenfalls nicht zu einer beachtlichen Wertschöpfung oder Ausreizung des technologischen Potentials.

Man sollte den Mut und Anspruch entwickeln, Erster sein zu wollen. Denn was für Juristen worst-case ist, Fehler zu machen und zu scheitern, ist bei der Pioniertätigkeit immanenter Bestandteil des Fortschritts. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft aber unabdingbar.

VI. Just. Do. It.

„Da müsste man mal“, „Wünschenswert wäre…“, „ein langer Prozess…“, „in Zukunft könnte…“ – die Floskeln auf den Legal-Tech-Events, Conferences und Meetups gleichen teilweise dem Klassentreffen der Konjunktive.

Noch bemerkenswerter ist der gelegentlich festzustellende Stolz der dortigen Speaker oder Hosts, auf ihre bisherigen Anstrengungen, Ergebnisse und Leistungen. Ein Event ist mir dabei ganz besonders nachhaltig in Erinnerung geblieben, weil einer der Publikumsgäste das fragte, was eigentlich Maßstab einer jeden Präsentation sein müsste:

Was für Legal Tech setzen Sie konkret in Ihrem Arbeitsalltag ein?

Die ehrliche Antwort: Keine. Man habe viele Ideen und das Mindset, aber Produkte seien bisher nicht im Einsatz.

Dabei ist meine persönliche Erfahrung, dass es viel wichtiger, einfach zu machen.

Ein Beispiel: uns wird regelmäßig die sehr geschätzte Möglichkeit eröffnet, vor einer Riege aus Managing-Partner zu pitchen. Dort zeigen wir dann auch bewusst technische Kleinigkeiten, die zu einer Mischung aus Verblüffung und – ja, das gibt es auch 😉 – Begeisterung führen. Die technischen Funktionen waren weder besonders anspruchsvoll noch hochgradig innovativ – aber wir haben es fernab von Mockups tatsächlich umgesetzt.

Es ist viel wichtiger, die Startup-Mentalität des „einfach mal machen“ zu nutzen und zu scheitern, als niemals begonnen zu haben.

VlI. Juristen werden der Technik dienen, nicht umgekehrt

Nein, Juristen werden nicht vollständig durch Technik ersetzt werden (können). Aber wir werden in den nächsten Jahren sehen, mit welcher Macht Legal-Tech die anwaltliche Tätigkeit steuern wird.

Legal-Tech ist nicht mit einer Kanzleisoftware, die mehr als Verwaltungs-, denn als Bearbeitungssoftware konzipiert ist, vergleichbar. Mit Legal-Tech wird ein Automatisierungsgrad erreicht bzw. kann erreicht werden, der irgendwann nicht mehr mit wirtschaftlich vertretbaren Mitteln nachgebaut oder -geahmt werden kann, sodass die Kostenstrukturen von Kanzleien im selben Rechtsgebiet wettbewerbsentscheidend voneinander abweichen. Dieser Effekt dürfte mit den irreversiblen Liberalisierungstendenzen standesrechtlicher Regelungen eher zunehmen als abnehmen.

Die Folge: kleinere und auch mittelständischen Kanzleien werden sich den wenigen, frei verfügbaren Gesamt-Lösungen unterwerfen müssen, um den eigenen wirtschaftlichen Fortbestand zu sichern.

Am Ende werden – dies ist im Übrigen keine für den Rechtsmarkt originäre Erkenntnis – die effizientesten Marktakteure bestehen und vielleicht noch ein wenig Luft für Wald- und Wiesenkanzleien lassen.

IX. Die Gefahr einfacher Lösungen

Legal-Tech-Software entwickelt man im Büro… oder Zuhause… oder unterwegs – jedenfalls vor einem Bildschirm. Der „Tunnel“ bei Software-Entwicklern ist legendär und wahr. Vor allen Dingen ist es die Erkenntnis, dass gute Software genauso wie ein guter Aufsatz Fokus, Wissen, Konzentration und Zeit benötigt.

Die Kompetenzvermittlung der Softwareentwicklung für Juristen mit grafisch ansprechenden und logikabhängigen Klick-und-fertig-Applikationen birgt die aus meiner Sicht ganz erhebliche Gefahr, dass dadurch der falsche Eindruck erweckt wird, dass über einen „Proof-of-concept“ hinaus, so oder so ähnlich Softwareentwicklung aussehen muss. Solche Lösungen sind unbestritten ein exzellenter Appetitanreger für Laien, sich mit dem Potential von Legal-Tech-Lösungen auseinanderzusetzen, viel mehr jedoch nicht.

Dadurch können falsche Erwartungen an die Umsetzung leistungsstarker und ganzheitlicher Softwarelösungen außerhalb eines vorgegebenen Frameworks geweckt werden, die zu Fehleinschätzungen auf der einen und Frust auf beiden Seiten führen kann. Um es deutlich zu formulieren: der Fall ist uns bisher noch nicht untergekommen. Warum? Weil unsere Kunden sich dessen bisher bewusst waren und solche Lösungen gar nicht erst genutzt haben.

X. Es macht Spaß, Zukunft mitzugestalten

Der wahrscheinlich wichtigste Punkt, insbesondere nach der manchmal launig formulierten Kritik – die im Übrigen auch stets an die eigene Adresse gerichtet ist: es macht richtig Spaß, Legal-Tech zu entwickeln.

Was mich jedes Mal aufs Neue freut: eine Funktion, die ich mir damals in der Kanzlei gewünscht habe, umgesetzt zu sehen. Denn es sind meist die vielen, vielen Kleinigkeiten, die Zeit und damit Geld kosten. Und es ist sehr erfüllend, Mandanten besser als vorher helfen zu können, weil man sich neuer Werkzeuge bedient, die altbekannte Probleme lösen können.

Als leidensfähiger Jurist bringt man gute Voraussetzungen mit, eine ambitionierte Idee – ob Staatsexamen oder Dokumentengenerator – durch alle Hochs und Tiefs weiterzuverfolgen, bis daraus ein vorzeigbares Ergebnis entsteht.

Ich kann deshalb nur jedem Juristen, der Mut hat, Neues zu wagen, dazu raten: Mach‘ in Legal Tech ;).

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