In den Sitzungen von Führungsgremien bei Versicherungen, Unternehmen und Kanzleien taucht derzeit mit wachsender Regelmäßigkeit eine bestimmte Frage auf. Nicht: Setzen wir KI ein? Diese Frage ist längst beantwortet. Die neue Frage lautet: Was bringt sie uns wirklich?

Das klingt nach einer einfachen Frage. Ist sie aber nicht. Und wie Organisationen in den kommenden zwölf Monaten mit ihr umgehen, wird darüber entscheiden, ob sie ihre KI-Investitionen verteidigen können – oder ob sie sie rechtfertigen müssen.

Eine Studie von Dataiku und Harris Poll, durchgeführt zwischen Dezember 2025 und Januar 2026 unter 600 CIOs weltweit, liefert dazu Zahlen, die für Führungsebenen juristischer Betriebe unmittelbar relevant sind: 98 Prozent der Befragten berichten von wachsendem Druck durch ihre Boards, eine messbare Rendite ihrer KI-Investitionen nachzuweisen. 71 Prozent rechnen damit, dass ihre KI-Budgets bis Mitte 2026 gekürzt oder eingefroren werden, sollten die erwarteten Leistungsziele nicht erreicht werden. Und 74 Prozent halten ihre eigene Position innerhalb der nächsten zwei Jahre für gefährdet, falls ihr Unternehmen keine belastbaren KI-Ergebnisse vorlegen kann.

01 Aktuelle Entwicklung

Warum keiner den KI-ROI misst

Der Thomson Reuters „AI in Professional Services Report 2026“ liefert einen Befund, der in seiner Schlichtheit aufhorchen lässt: Zwar nutzen inzwischen mehr als 80 Prozent aller befragten Organisationen generative KI wöchentlich – aber nur 18 Prozent messen aktiv, welchen Return diese Nutzung erzeugt. 40 Prozent wissen nicht einmal, ob ihre eigene Organisation überhaupt irgendwelche KI-Leistungskennzahlen erhebt.

„The gap between adoption and measurement is precisely where legal teams face the greatest exposure when boards begin asking pointed questions.“
— legal.io, März 2026

Der Grund für diese Lücke liegt in der Wahl der falschen Ausgangsmetrik. Die erste Frage, die sich fast jede Organisation beim KI-Einstieg gestellt hat, war: Wie viel Zeit sparen wir? Zeit ist eine bequeme Metrik – jeder versteht sie sofort, niemand muss sie groß rechtfertigen. Das Problem: Zeitersparnis allein sagt nichts über tatsächliche Geschäftsergebnisse aus. Entwirft ein Sachbearbeiter dank KI Schriftsätze 30 Prozent schneller, entsteht daraus nur dann echter ROI, wenn diese frei gewordene Kapazität in mehr Umsatz, weniger Fehler oder besseren Service umgesetzt wird. Verschwindet sie stattdessen in zusätzlichen Pausen, ist der ROI schlicht null. Der Übergang von reiner Zeitersparnis zu belegbarem Geschäftsergebnis ist der Schritt, den die meisten Organisationen noch nicht vollzogen haben – und genau danach fragen Boards inzwischen gezielt.

02 Ausblick auf 2026

Das Ende des KI-Hypes?

Auf der BLTF 2026, dem jährlichen Branchentreffen der Legal-Tech-Szene in London Mitte März 2026, fiel wiederholt ein Begriff, der die aktuelle Stimmung treffend beschreibt: die „KI-Deployment-Ära“. Die Phase des reinen Ausprobierens gilt als beendet; entscheidend ist jetzt, was im laufenden Betrieb tatsächlich funktioniert und nachweisbaren Wert erzeugt. Was Analysten für 2026 vorhersagen:

  • Forrester erklärt: „The AI hype period ends.“ 25 Prozent des geplanten KI-Budgets werden auf 2027 verschoben, und nur 15 Prozent der KI-Verantwortlichen berichten überhaupt von messbaren EBITDA-Effekten.
  • Gartner geht davon aus, dass über 40 Prozent aller Agentic-AI-Projekte bis 2027 wieder eingestellt werden – wegen zu hoher Kosten und unklarem Geschäftswert.
  • Thomson Reuters stellt fest, dass Organisationen mit einer klar definierten KI-Strategie doppelt so wahrscheinlich einen ROI nachweisen und 3,5-mal so wahrscheinlich entscheidende KI-Vorteile realisieren.
  • Der Konsens der BLTF 2026 lautet: Differenzierung entsteht nicht mehr über einzelne Features, sondern über Datenfundament, Governance und kommerzielle Strategie.

Für die juristische Branche ist das kein abstraktes Marktforschungsrauschen, sondern eine exakte Beschreibung dessen, was aktuell in Budgetgesprächen passiert. KI wurde vielfach eingeführt, weil alle anderen es auch getan haben. Jetzt lautet die Frage: Was genau tun wir damit – und können wir das belegen?

03 Veränderungen

Die richtige ROI-Metrik für juristische KI

Das Grundproblem der KI-ROI-Debatte liegt in der Fragestellung selbst. „Wie viel bringt uns KI?“ ist eine Frage ohne operative Antwort. Sie endet zuverlässig in langen Präsentationen mit vagen Einsparschätzungen – und irgendwann in Frustration auf beiden Seiten. Die richtigen Fragen sind konkreter:

Falsche ROI-Metrik Richtige ROI-Metrik
Wir haben X Stunden gespart Bearbeitungszeit pro Standardfall: von Y auf Z Minuten
KI ist schneller als manuell Fristüberschreitungen: von X % auf Y %
Wir haben KI eingeführt Fehlerquote in Dokumentenklassifizierung: X %
Mitarbeiter nutzen KI täglich Durchlaufzeit Mahnverfahren: X Tage
KI unterstützt unsere Arbeit Sachbearbeiter-Auslastung: von X auf Y Fälle/Monat

Der Unterschied ist grundlegend: Prozessbasierte Metriken sind messbar, vergleichbar und lassen sich verteidigen. Sie hängen nicht von subjektiven Eindrücken ab, sondern existieren unabhängig davon, ob jemand das Gefühl hat, die KI habe geholfen. Es sind schlicht Daten.

Genau hier wird die Prozessarchitektur zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Wer KI nur als lose Sammlung einzelner Werkzeuge einsetzt – hier ein Chatbot, dort ein Textgenerator –, erzeugt keine Prozessmetriken, sondern lediglich Aktivitätsdaten. Wer KI dagegen als klar definierten Task innerhalb eines messbaren Workflows verankert, erhält echte ROI-Daten.

04 Was das für KI in der Kanzlei bedeutet

Wie ROI by design möglich ist

Eine These, die sich in vielen Projekten bestätigt hat: Wer seinen Prozess in BPMN abbildet, schafft damit automatisch die Grundlage für eine ROI-Messung – nicht als nachträglicher Bonus, sondern als direkte Folge der Architektur.

In DEPLAW ist jeder Workflow-Schritt protokolliert. Durchlaufzeiten lassen sich für jeden Fall, jeden Schritt und jede KI-Aktion einzeln messen. Fehlerquoten werden nicht manuell erhoben, sondern ergeben sich automatisch aus der Prozesshistorie.

Das bedeutet: Wenn der Vorstand fragt, was die eigene KI tatsächlich bringt, gibt es darauf eine Antwort – keine Schätzung, keine Präsentation mit angenommenen Zeitersparnissen, sondern belastbare Daten. Das ist kein Versprechen für die Zukunft, sondern bereits gelebte Praxis: Kunden, die seit über einem Jahr mit DEPLAW arbeiten, legen diese Daten längst ihren eigenen Aufsichtsgremien vor.

„The winners will not be the teams that deployed the most AI features. They will be the teams that built the strongest foundation for reliable automation, defensible decision-making, and scalable compliance.“
— Lexology, Januar 2026