In der Branche wird viel über das Verhältnis zwischen Kanzleien und ihren Mandanten diskutiert – meist aus der Perspektive der Kanzlei: Wie gewinnen wir neue Mandate? Wie binden wir bestehende? Wie positionieren wir uns gegenüber dem Wettbewerb? Diese Sichtweise ist nachvollziehbar, blendet aber etwas aus, das sich derzeit erheblich verändert: Die andere Seite des Tisches automatisiert – und zwar schneller, als es die meisten Kanzleien wahrhaben wollen.
01 Zahlen
Wie Inhouse-Rechtsabteilungen KI nutzen
Die ACC/Everlaw GenAI Survey, eine der umfangreichsten Erhebungen zur KI-Nutzung in Inhouse-Rechtsabteilungen, zeigt eine Entwicklung von bemerkenswertem Tempo: Die KI-Adoption in Corporate-Legal-Abteilungen hat sich binnen eines einzigen Jahres von 23 auf 52 Prozent mehr als verdoppelt. Mehr als die Hälfte aller befragten Inhouse-Teams setzt generative KI heute im Tagesgeschäft ein.
Noch aufschlussreicher: 64 Prozent dieser Teams geben an, gezielt eigene KI-Fähigkeiten aufzubauen, bevor sie Arbeit nach außen vergeben. Diese Verhaltensänderung hat direkte operative Folgen – wer intern liefern kann, fragt seltener extern nach. Zu den Bereichen, die große Inhouse-Teams derzeit systematisch ausbauen, zählen:
- Automatisierte Vertragsprüfung und -erstellung für Standardvertragstypen
- KI-gestützte Recherche und Rechtslageanalyse für Routinefragen
- Automatisierte Compliance-Monitoring-Systeme
- Eigene Falltracking- und Workflowsysteme für das Litigation-Management
- Standardisierte Mandatsvergabe-Prozesse mit automatisiertem Reporting
Das ist kein Zukunftsszenario, sondern bereits gelebte Praxis: Auf dem Legal Tech Day 2025 beschrieben General Counsels von Unternehmen wie Coca-Cola, Hugo Boss und Haribo offen, welche Arbeiten sie systematisch ins Haus zurückholen – weil die Technologie es erlaubt und die Kostenrechnung dafürspricht.
02 Insourcing statt Outsourcing
Welche Mandate zuerst abwandern
Die Verschiebung verläuft nicht gleichmäßig. Sie betrifft zuerst jene Leistungstypen, die eine gemeinsame Eigenschaft teilen: repetitiv, regelbasiert und gut standardisierbar.
| Leistungen, die nach innen wandern | Leistungen, die extern bleiben |
|---|---|
| Standardvertragsreview und -erstellung | Komplexe Vertragsverhandlungen mit strategischer Abwägung |
| Rechtliche Standardrecherche zu bekannten Themen | Neue Rechtslagen, erstinstanzliche Fragen, Präzedenzfälle |
| Routinemäßiges Compliance-Monitoring | Regulatorische Krisen und Enforcement-Situationen |
| Litigation-Tracking und Status-Reporting | Prozessführung und strategische Rechtsdurchsetzung |
| NDA- und Standardvertragsbearbeitung | M&A, komplexe Transaktionen, Sonderstrukturen |
Was hier geschieht, ist keine vollständige Internalisierung juristischer Arbeit, sondern eine gezielte Auswahl: Leistungen, die Kanzleien früher als Routinegeschäft abgerechnet haben – und die vielen mittelgroßen Kanzleien den Grundumsatz sicherten – wandern selektiv nach innen. Was bleibt, sind die schwierigen Fälle, die tatsächlich externe Expertise verlangen. Die wirtschaftliche Konsequenz daraus ist unmittelbar: Das Volumen geht, die Komplexität bleibt. Für Kanzleien, die von Volumen abhängen, ist das eine existenzielle Verschiebung.
03 Das Problem
Routine zum Premiumpreis?
Der Kern dieser Verschiebung ist nicht technologischer, sondern wirtschaftlicher Natur. Inhouse-Abteilungen beauftragten externe Kanzleien früher unter anderem deshalb, weil ihnen selbst die Kapazität fehlte, Routinearbeit intern zu skalieren. KI verschiebt genau diese Kapazitätsgrenze fundamental. Eine Analyse von Thomson Reuters bringt die Konsequenz für Kanzleien auf den Punkt: Wer Routinearbeit weiterhin als Premiumleistung abrechnet, wird umgangen – nicht, weil die Qualität schlecht wäre, sondern weil dieselbe Qualität intern günstiger zu erzielen ist.
„Corporate in-house teams are taking work in-house, because they have the same AI tools, and billing needs to change to reflect the use of AI and efficiencies gained.“
— BLTF 2026, Legal IT Insider, März 2026
Diese Ansage muss man ernst nehmen: Das klassische Argument für die externe Beauftragung war stets ein Kompetenzargument – wir wissen mehr, wir sind besser. Das trifft in vielen Bereichen weiterhin zu, verliert aber für Standardleistungen zunehmend an Kraft, weil KI den Kompetenzvorsprung in genau diesen Bereichen einebnet. Die entscheidende Frage für Kanzleien lautet daher nicht, wie sie ihre Standardleistungen verteidigen, sondern wie sie sich in einer Welt positionieren, in der Standardleistungen kein Differenzierungsmerkmal mehr sind.
04 Was das für KI in der Kanzlei bedeutet
Die zwei Wege für Kanzleien
- Spezialisierung auf Hochkomplexität – Kanzleien, die sich auf Fälle konzentrieren, die intern nicht lösbar sind: strategische Litigation, M&A, regulatorische Krisen, erstinstanzliche Rechtsfragen. Diese Segmente werden nicht internalisiert, weil ihre Komplexität echte externe Expertise voraussetzt. Wer hier klar positioniert ist, profitiert von der Verschiebung; wer sich nicht entscheidet, gerät zwischen die Fronten.
- Volumen auf neuer Kostenbasis durch Automatisierung – Kanzleien, die im Routinegeschäft bleiben wollen, können das – aber nur, wenn sie ihre Kosten auf ein Niveau senken, das intern nicht unterboten werden kann. Das setzt echte Automatisierung voraus: keine digitale Handarbeit, sondern vollständig automatisierte Prozesse für standardisierbare Falltypen. Wer das schafft, bleibt im Volumengeschäft konkurrenzfähig.
Was dagegen nicht funktioniert: einfach weitermachen wie bisher und darauf warten, dass sich das Thema von selbst erledigt. Die Daten zeigen, dass diese Verschiebung schneller voranschreitet als erwartet. Wer erst in zwei Jahren reagiert, reagiert nach der Verschiebung.
05 Die DEPLAW Perspektive
Automatisierung wird zum Must-have
Wir arbeiten mit Kanzleien zusammen, die verstanden haben, was diese Verschiebung bedeutet – die sich aktiv für ein Segment entschieden und ihre Infrastruktur entsprechend ausgerichtet haben.
Für Kanzleien, die im Volumengeschäft bleiben wollen, erlaubt die Workflow-Batch-Verarbeitung von DEPLAW, Massenverfahren auf einer Kostenbasis zu bearbeiten, die mit der internen Bearbeitung konkurrieren kann; Datenextraktion und Textgenerator übernehmen dabei die manuellen Schritte, die Standardarbeit sonst teuer machen.
Für Kanzleien, die sich auf Hochkomplexität konzentrieren, ermöglichen die revisionssichere Prozesshistorie und die Aktengeschichte eine Qualität der Falldokumentation, die interne Teams selten erreichen – und die bei anspruchsvollen Mandanten zu einem echten Differenzierungsfaktor wird.
Die Entscheidung, welchen Weg eine Kanzlei einschlägt, ist strategischer Natur. Ihre Umsetzung ist eine infrastrukturelle Aufgabe. Beides muss aktiv getroffen werden.